Am 5. Mai 2017 habe ich mein bisher größtes Fotoprojekt erfolgreich beenden können. Hier ein Versuch, die ganze Geschichte darzustellen.

Für das Jahr 2013 hatte ich beschlossen, eine Art Fototagebuch zu führen. Jeden Tag ein Bild und einen kleinen Text dazu in einem Blog zu veröffentlichen war das Ziel. Bis auf ein paar Krankentage ist mir das über alle Monate bis Ende Dezember gelungen und auf diese Weise waren ca. 350 Bilder und kleinere und längere Texte entstanden.

Wie es sich so begibt, werden öffentliche Blogs manchmal gesehen, zumal wenn man explizit Menschen darauf aufmerksam macht. Ich habe einen Kollegen, der selbst ausgebildeter Fotograf ist, dessen Urteil ich sehr schätze und der auch schon während der Entstehung des Blogs immer gemeint hat, dass ich das unbedingt mal ausstellen müsse. Ich habe das zu der Zeit nie wirklich ernsthaft überlegt. „wer will das schon sehen?“, war mein Gedanke. Ich hatte mir nur vorgenommen, das „Gesamtwerk“ mal in gedruckter Form für mich ins Regal stellbar zu machen. Wie bei vielen digitalen Traktaten ist das allerdings bis vor ein paar Wochen nicht passiert. Das Blog existierte halt so vor sich hin.

Mitte des letzten Jahres fing allerdings wieder die Auseinandersetzung mit dem Thema Ausstellung an. Der besagte Kollege ist Mitglied in einem Verein, welcher Kunst im allgemeinen Sinne in der Region fördert. Malerei, Kleinkunst etc. wird in einem historischen Gebäude Raum geboten. Für das Jahr 2017 sollte auch die Fotografie eine Chance bekommen und ich erhielt die Möglichkeit, vom 5. bis zum 28. Mai 2017 die Bilder meines Blogs zu zeigen.

Ich fing also an, mir Gedanken um die Darstellung und Präsentation zu machen. Wie stellt man ein Blog mit ca. 350 Bildern und Texten aus, welches in sich abgeschlossen ist? Mein Anliegen war auf jeden Fall, beides, Bilder und Text im jeweiligen Kontext darzustellen. In vielen Pausen haben der Kollege und ich über die Ausstellung gesprochen und nach und nach überlegt, wie wir die Bilder zeigen können.

Zunächst ganz simpel, sollte es eine Auswahl von 5-10 Bildern aus jedem Monat werden, die dann an der Wand gezeigt würden – Ausstellung halt. Auch das wären schon 60-120 Bilder geworden, hätte also eine beachtliche Menge Rahmen und Passepartouts erfordert. Mal abgesehen von der Menge an Rahmen und Passepartouts hat mir das nicht 100% zugesagt, weil ja immer etwas gefehlt hätte. Das Tagebuch wäre nicht vollständig gewesen. Und die Darstellung der Texte wäre ebenfalls schwierig gewesen.

Um mehr Bilder hängen zu können kamen wir zwischenzeitlich auf die Idee, zusätzlich dünne Holzplatten oder Kartons in den Raum zu hängen, auf welche dann die Bilder aufgeklebt werden sollten. Der Raum wäre in diesem Fall allerdings komplett zugestellt worden, wäre klein, beengt und intransparent erschienen und zusätzlich wären auch hier die Texte zu kurz gekommen.

Irgendwann habe ich dann in einer Zeitschrift ein Foto gesehen, auf dem ganz viele Bilder einfach von der Decke in einem dicken Knäuel oder Cluster im Raum hingen. Zur Betrachtung der Bilder konnte man da um dieses Knäuel herum gehen.

Das war der zündende Funke. Auch der Kollege fand das als Präsentation gut und so habe ich mich dann letztlich für die Präsentation aller Bilder und Texte entschieden, ohne dass der Raum beengt oder intransparent erschienen wäre. Nicht als großes Knäuel, sondern als zeitlicher Strang aber in der transparenten Form, sollte der Blog „begehbar“ und somit erfahrbar werden.

Zuallererst habe ich den Ausstellungskatalog erstellt. Blog und Bilder waren ja da, mit einer Exportfunktion und einem Tool aus dem Internet konnte ich das gesamte Blog in eine Word-Datei schreiben, die ich dann mit Libreoffice weiter bearbeitet habe. Wer möchte, kann sich das Gesamtwerk als PDF Datei herunter laden und anschauen.

Als nächstes mussten die Bilder aufgearbeitet bzw. zum Druck vorbereitet werden. Das Konzept: jedes Bild auf DIN A4 quer gedruckt, jeder Text ebenfalls. Die Schriftart Courier für den Text sollte den Blog- bzw. Tagebuch-Charakter unterstreichen – wie mit einer alte Schreibmaschine geschrieben. Bild und Text dann auf einen Karton aufgeklebt und in den Raum gehängt. Ich habe mich dafür entschieden, Buchbinderkarton in A4, 1,5mm dick zu verwenden, weil es die preisgünstigste und schnellste Variante war – Bristolkarton oder Finnpappe hätte ich zusätzlich noch selbst zuschneiden müssen.

Am Ende galt es, ca. 700 Blatt (350 Bilder, 350 Texte) auf zukleben, ca. 700 Löcher zu stanzen und eben so viele Ösen zu pressen. Was alles an welchen Punkten schief gegangen ist, möchte ich hier gar nicht detailliert darstellen. Ich habe auf jeden Fall viel über Material und Werkzeuge gelernt und einiges an Erfahrung sammeln können, bis ich alle Bilder in drei großen Klappkisten fertig zum Aufhängen stehen hatte. Das reine Kleben hat ca. 2 Wochen gedauert. Nur wenig Schlaf war möglich in der Zeit und sehr viel Klebstoff nötig. Eine dicke Blase an meiner rechten Hand vom Pressen der Lochzange hat mich auch etwas eingeschränkt, um nur wenige Störfaktoren zu nennen.

Für das Kleben habe ich mir eine Art „Einpassständer“ gebaut. Damit konnte ich das mit Klebstoff versehene Pappstück zuerst und anschließend das Bild oder den Text passgenau übereinander bringen, sodass keine Ränder überstehen.

Nach dem Kleben kam das Lochen. Dazu habe ich mir eine Vorrichtung gebaut, mit der ich die Löcher an die lange Seite jeder Pappe genau in die Mitte stanzen konnte. Eine dünne Pressholzplatte, ein Stück Aluminium, ein entsprechend langer Winkel (ein sehr langer und ein sehr kurzer Schenkel), Schraube, Mutter und einige Unterlegscheiben weiter konnte ich dann mit dem Lochen loslegen. Am besten geht’s mit einer scharfen Lochzange. Nachdem die auch da war, konnte sich mein Handballen mit der dicken Blase wieder beruhigen. Für das Lochen selbst habe ich 2 Abende und Nächte benötigt.

Für das Setzen der Ösen war extra ein Werkzeug geordert worden, dazu 700 4mm Ösen und alles hätte gut sein können. Die Ösenzange musste auf dem letzten Meter kaputt gehen und mit der neuen aus dem Baumarkt ging es deutlich besser. Das Setzen der Ösen war etwas schneller, das waren nur 2 Abende, die Nächte waren nicht nötig.

Für das Aufhängen der Bilder sollten immer 4 Bilder in einem Abstand von ca. 15 cm mit Angelschnur (Hechtschnur 0,35mm mit 10,8 kg Tragkraft) aufgereiht werden. Dazu mussten insgesamt auch ca. 700 Knoten gemacht werden. Ohne die Hilfe von Iris und Jörg (der Kollege nebst seiner Frau) wäre das niemals termingerecht fertig geworden.

So hat das reine Aufhängen schon satte 12 Stunden mit 3 Personen gedauert. Das war auch ein Faktor, den ich total unterschätzt hatte. 20 Bilder zu rahmen dauert auch seine Zeit, aber 350 Bilder „zu installieren“ ist definitiv eine andere Größenordnung.

Während Iris und Jörg geknotet haben (heldenhaft, wie ich dankbar zugestehen muss), habe ich die Aufhängvorrichtung gebaut. Dazu waren längere Latten notwendig, die an der Dachkonstruktion befestigt werden mussten. Insgesamt sechs Stränge mit je zwei Reihen á acht Bilderketten zu je 4 Bildern sollten es werden. Immer wenn wieder eine Reihe (acht Ketten) fertig geknotet  war, haben Jörg und ich diese schon aufgehängt, während Iris weiter geknotet hat.

Damit wir die Bilder so im Raum verteilen konnten, dass auch Gänge blieben und das ganze in den Raum passte, waren einige Überlegungen und Rechenarbeit notwendig. Aber wie immer, musste auch hier nur der Plan erst mal stehen, dann ging es „locker von der Hand“.

Die fertige Ausstellung ist so konzipiert, dass man die Bilder und den Text durch Tippen oder Drehen des Kartons betrachten kann – es ergibt sich immer ein anderes Bild, je nachdem, aus welchem Winkel man in den Bildraum schaut, da sich die Bilder auch drehen – gerade wenn Menschen sich darin befinden. Man sieht mal das Bild, mal den Text und kann so durch den Raum und – hier wichtig – die Zeit wandern. Die Bilder sind chronologisch gehängt, ergeben also ein visuelles und haptisches Tagebuch. In diesem Fall die perfekte Transformation von einem Internet Blog zu einer real existierenden Ausstellung. Dadurch dass die Abstände in der vertikalen nicht immer gleich sind, sieht das Ganze nicht zu „militärisch“ aus.

Das Gesamtbild der Ausstellung nebst einiger visuelle Eindrücke von der Vernissage können im Anschluss an diesen Text in der Bildergalerie angesehen werden. Die Vernissage selbst hat mir sehr gut gefallen. Es war eine wunderbare Stimmung. Viele interessierte und interessante Menschen sind gekommen und alle, mit denen ich sprechen konnte, haben sich durchweg positiv zu der Präsentationsform geäußert. Auch eine Journalistin von der lokalen Presse kam, interviewte und fotografierte mich. So viel Aufmerksamkeit um seine Person hat man nicht so oft.

Gerne würde ich die Ausstellung auch noch mal an anderer Stelle zeigen. Einfach weil ich denke, dass die viele Arbeit und der Spaß, der die Konzepterstellung und Umsetzung der Ausstellung bereitet hat, das rechtfertigt. Das positive Feedback von der Vernissage hat mich hierin noch bekräftigt.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ausdrücklich beim Förderverein Mettinger Schultenhof für die Möglichkeit bedanken, meine Ausstellung präsentieren zu dürfen. Ganz besonderer Dank geht hier an Iris und Jörg, ohne die die Ausstellung sicherlich nicht so stattgefunden hätte!

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